Als Deutsch-Grundkurs trafen wir uns vor dem Mainzer Staatstheater am Freitagabend der ersten Schulwoche im neuen Jahr mit Herrn Rath. Die Inszenierung von Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“, aus dem Jahr 2025, wandelt das klassische Stück in eine moderne Version um. Unter der Regie Kathrin Mädlers wird das Stück nicht nur als Gerichtskomödie, sondern auch als deutlich feministisch geprägte männlich-toxische Machtkritik inszeniert.
Der Protagonist, Dorfrichter Adam, verhandelt einen Gerichtsfall, bei dem es um einen zerbrochenen Krug geht. Dieser wird dabei zum Symbol für den vorliegenden Machtmissbrauch. Das Stück zeigt, wie sich Adam immer weiter in Widersprüche verstrickt und seine Glaubhaftigkeit zunehmend abnimmt.
Die Regieentscheidung, viele Rollen weiblich zu besetzen, verleiht dem Stück eine klar feministische Perspektive. Denn die Frauenfiguren gewinnen an Stärke und Präsenz: Dies ist klar formulierte Kritik an dem sonst so männerdominanten Stück.
Das Bühnenbild ist bewusst schlicht gehalten: Eine große Treppe, auf der ein Bild eines Gerichtssaals abgedruckt ist. Darüber zu sehen ist eine LED-Aufschrift: „Grab ’em by the pussy!“ Donald Trumps Fauxpas während seiner ersten Kandidatur, der ihm fast zum Verhängnis wurde; leider nur „fast“… Das Schild hat während des Stücks immer mal wieder „seinen Auftritt“, in denen alles dunkel wird und nur die Schrift leuchtet. Die wahrscheinlich eindrucksvollste Szene ist am Ende zu sehen, in der wieder alle Lichter erlöschen und nur die Buchstaben „M“, „Y“ und das Wort „Pussy“ leuchten. Zusätzlich erscheint ein neues Schild, welches die Aufschrift „My choice“ hat. Somit kann man die klare Botschaft einer feministischen Selbstbestimmung zweifelsfrei interpretieren und als Leitsatz der Theaterschaffenden an unsere Gesellschaft verstehen.
Abgesehen von dem LED-Schild bleibt das Bühnenbild während des gesamten Stücks unverändert.
Dafür erhalten die umso auffälligeren, prunkvollen und eleganten Kostüme der Darstellerinnen, die definitiv in eine modernere Zeit passen, die verdiente Aufmerksamkeit. Diese sind eher gender-provokant selbstbewusst designed, durch die Farben Rosa, Silber, Schwarz und viel Glitzer. Außerdem tragen alle Charaktere eine weiße Perücke, welche sonst nur typisch für einen Richter ist und ausgerechnet dieser trägt keine. Dies greift auch noch mal die Thematik der Machtkritik und umgekehrter Machtverhältnisse auf. Der Humor der Inszenierung entsteht überwiegend aus dem Originaltext Kleists.
Es erscheinen mehrere komische Momente im Stück, die jedoch nicht die kritischen Aussagen des Richters verharmlosen. Insgesamt überzeugt die Mainzer Inszenierung des „Zerbrochnen Kruges“ durch die moderne Umsetzung eines ‚veralteter‘ Klassikers – hin zu einem modernen gesellschaftskritischen Stück am System.
Gerade für ein junges Publikum (welches das Lustspiel vielleicht auch im Unterricht behandelt hat) ist es sehr interessant, eine moderne Version des Stücks zu sehen. Außerdem ist es ein ganz anderes Erlebnis, eine Theateraufführung auch einmal „live“ zu sehen. Diese Veranstaltung bildete den Abschluss unserer Lektürereihe und war zugleich auch die fünfte und somit letzte Aufführung der Inszenierung Mädlers in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt.
(Leni Müller)




